Zur Dialektgeographie im Ostallgäu

Gleich zu Beginn eine deutliche Klarstellung: So wie es den einen Allgäuer Dialekt nicht gibt, sondern nur mehr oder weniger eng miteinander verwandte im Allgäu gesprochene Dialekte, so gibt es auch das einheitliche Ostallgäuerische nicht. Durch das Allgäu verläuft ja bekanntlich eine relativ scharfe Dialektgrenze, die den größeren Teil zum Schwäbischen, einen kleineren Teil aber zum Alemannischen im engeren Sinne, genauer zum Niederalemannischen zuordnet. Dazu gehört das Oberallgäu südlich von Immenstadt und das Westallgäu ab Oberstaufen westwärts. Das in der Sprachwissenschaft gängige Kriterium für diese Unterscheidung ist die dialektale  Aussprache für die historischen hohen Langvokale  (mittelhochdeutsch î, iu, û), die im Alemannischen als einfache Laute erhalten sind, im Schwäbischen aber die sog. Neuhochdeutsche Diphthongierung mitgemacht haben. Wörter wie Haus, Haut, Häuser, Zeit, bleiben werden von den alemannischen Allgäuern als Hüüs, Hüt, Hiiser, Zit, bliibë ausgesprochen. Der heutige Landkreis Ostallgäu wird von dieser scharfen Dialektgrenze nicht direkt tangiert, sie verläuft etwas südwestlich davon zwischen Ober- und Unterjoch (vgl. Karte 1).
 
Dennoch ist, wie bereits angedeutet, auch das östliche Allgäu bei weitem keine einheitliche Dialektlandschaft. Die auffälligsten Unterschiede würden sich zeigen, wenn man etwa die bodenständigen Sprachen aus dem Gemeindegebiet von Untrasried mit denen aus dem Königswinkel im Südosten direkt vergleichen würde. Aber auch auf wesentlich kürzeren geographischen Distanzen ergeben sich teilweise deutliche Unterschiede, die auch den jeweiligen Bewohnern sehr bewusst sind, etwa zwischen den Orten Pfronten und Füssen, die ja nur gut zehn Kilometer getrennt sind.
 
Meistens werden dialektale Grenzen an lautlichen Unterschieden festgemacht, von denen die wichtigsten mit Linien auf der Karte 1 dargestellt sind. Dabei bündeln sich nicht selten gleich mehrere Lautunterschiede zu stärkeren Dialektgrenzen. Zum bereits erwähnten Sprachunterschied zwischen Pfronten und Füssen vergleiche man die Linie für mhd. ei in Wörtern wie brait – broat, haiß – hoaß, Gaiß – Goaß, Laitr – Loatr, i waiß – i woaß. Sie trennt sprachlich bereits das Tannheimer Tal, verläuft dann an Rosshaupten vorbei zum Auerberg und Tannenberg und weiter längs der heutigen Bezirksgrenze zwischen Kaltental und Fuchstal nach Norden zu und erreicht nördlich von Kaufering den Lech. Dieser Laut oa ist auch das einzige ernsthafte Kriterium, das dem Südosten des Landkreises einen ganz leicht bairischen Einschlag verleiht. Eine weitere Linie für diesen historischen ei-Laut tangiert nur den Nordwestrand des Landkreises mit der Aussprache broit, hoiß, Loitr, die ja vom Westallgäu bis nach Augsburg und in ganz Nordschwaben verbreitet ist.
 
An der gleichen Linie verläuft ein weiterer lautlicher Unterschied, der allerdings in der Bevölkerung weniger wahrgenommen wird. Die Entsprechungen zu mhd. î, iu, û (vgl. oben!) werden nämlich westlich davon nach gemeinschwäbischer Art mit engen, geschlossenen Diphthongen artikuliert, also Hous, Hout, Heisr, Zeit, bleibë, während sie am Lech, von Reutte über Füssen, Lechbruck, Schongau, Fuchstal, sowie in Augsburg und um Donauwörth und im Ries wesentlich offener, also entsprechend der hochsprachlichen Standardlautung ausgesprochen werden (Haus, Haut, Haisr, Zait, blaibë).
 
Die erwähnte Sonderstellung des Gebietes um Untrasried wird durch zwei Lautgrenzen bewirkt: Die alten mittelhohen Langvokale, mhd. ê, oe, ô, in Wörtern wie Schnee, Klee, größer, groß, Rose, stoßen sind dort als einfache Laute erhalten, während sie im übrigen Landkreis diphthongiert sind zu äa und òa., also z.B. Schnäa, Kläa, gräaßr, gròaß ,Ròasë. Außerdem entspricht dort dem mhd. ou in Wörtern wie glauben, Laub, auch, laufen ein breit und offen gesprochener au-Laut, wohingegen für das restliche Ostallgäu und noch weit östlich darüber hinaus (Ausnahme nördlich von Buchloe) ein einfacher o-Laut typisch ist (Merksatz: dees gloob i oo). Nach diesem Kriterium könnte man übrigens das Gebiet um Wertach-Oy berechtigterweise auch zum Ostallgäu rechnen.
 
Zwei weitere Lautgrenzen teilen den Landkreis horizontal: Für mhd. â in Wörtern wie Straße, Abend, fragen, schlafen, hat spricht man im Süden einen offenen ò-Laut, nördlich von Marktoberdorf aber einen Diphthong (Strauß, Aubët, fraugë, schlaufë, haut). Diese diphthongische Aussprache wird allerdings mehr und mehr aufgegeben, sie verflacht immer mehr zu ò, teilweise ohne dass es die Dialektsprecher selber merken. Und der als typisch für das Allgäu angesehenen männlichen Endung -ar (mit einem volltonigen a), z.B. Mòòlar, Schreinar, Handwerkar, Hammar, Druckar entspricht nördlich von Kaufbeuren ein einfaches, silbisch ausgesprochenes -r (Maulr, Druckr). Wo dieses -ar  verbreitet ist, haben auch weibliche Substantive die Plural-Endung -a, so dass dort immer eine Unterscheidung zum Singular gegeben ist, z.B. a Tannë versus drei Tanna. Weniger konsequent befolgt und auch nicht ganz klar abgrenzbar ist im Ostallgäuer Süden die nämliche Unterscheidung bei den Verkleinerungsformen, z.B. a Kindlë versus d`Kindla, a Räaslë versus a paar Räasla.
 
Exkurs: Würde man die angesprochenen Endungen mit volltonigem a wirklich als Kriterium für die Allgäuer Dialekte ansetzen, dürften sich die Menschen im nördlichen Ost- und im heutigen Unterallgäu sowie jene im württembergischen Teil nicht als echte Allgäuer fühlen. Da es aber auch kaum andere sprachliche Kriterien für die Abgrenzung des Allgäus gegen Norden zu gibt, sollte man wohl die falsche Fiktion von einem eigenständigen Allgäuerischen aufgeben und eingestehen, dass die Allgäuer Dialekte nur Teil eines ostschwäbischen Kontinuums sind, welches sich von den Tannheimer und Ammergauer Bergen zur Donau und zum Ries hin kontinuierlich in kleinen Schritten verändert, welches aber dennoch eine in sich relativ einheitliche Dialektlandschaft bildet. Von daher ist unter sprachlichen Gesichtspunkten auch nicht nachvollziehbar, warum sich die Allgäuer so gerne von den Schwaben abgrenzen, wen auch immer sie damit betiteln, und wenn sie für dieses eher emotionale Bedürfnis nach Distanzierung sprachliche Kriterien anführen.
 
Noch eines zeigt die Karte 1 ganz klar: Der Landkreis OAL grenzt zwar im Osten an den politischen Bezirk Oberbayern, außer im nahezu unbewohnten Ammergebirge berührt er aber nirgends richtig bairisches Dialektgebiet. Auf Letzteres trifft man nämlich erst östlich der roten Linie, die vom unteren Lech kommend über den Ammersee und den Peißenberg zur Zugspitze führt und im weiteren Verlauf das nördliche Außerfern bis Weißenbach sprachlich zum Schwäbischen schlägt. Die lautlichen Hauptkriterien für das Bairische sind das zu o oder å verdumpfte mhd. a (Doog, soong, Wåssa für Tag, sagen, Wasser) und der Umlaut zu den alten a-Lauten, also mhd. ä und æ (Raadl, Haaferl, Kaas, Maadl, i daad für Rädlein, Häfelein, Käse, Mädchen, ich täte). Wer also immer noch der gängigen, aber falschen Vorstellung anhängt, dass der Lech ganz klar die Sprachgrenze sei, sollte diese Meinung zumindest für das Gebiet südlich von Schongau gründlich revidieren. Dort ist der Lech nämlich allenfalls noch eine Sprachgrenze in den Köpfen.  
  
Weit weniger konstituierend für Dialekte und Dialektgrenzen sind die Unterschiede im Wortgebrauch. In vielen Fällen lassen sich dafür auch keine klaren Grenzen ziehen. Die wichtigsten im östlichen Allgäu relevanten und darstellbaren Wortgrenzen sind auf der Karte 2 mit Linien unterschiedlicher Farbe dokumentiert: Dabei geht es um den Wortgebrauch für arbeiten, für einfachen Frischkäse, für die Einkaufstüte, für die Kotrinne im Stall, für den zerstoßenen Pfannkuchen, für Fensterladen, für das quitschende Geräusch in durchnässten Schuhen und für das Haushüten.

 

Text und Karten: Dr. Manfred Renn

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